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#1

Smile before you go

in Fanfiction deutsch 30.08.2008 00:00
von Ran • Besucher | 901 Beiträge

knallpuffpaeng. schrieb:

Titel: Smile before you go
Autor: Leo
Teile: 1-?
Pairing: Morgan x Emily, JJ x Hotch
Rating: 12
Disclaimer: Nix der Leo, alles CBS und ich verdiene auch (leider) kein Geld mit dem Schreiben dieser Geschichte!
Warning: Charadeath (evtl.)
Anmerkung: Ich habe heute zum 100000 Mal ‚Wer früher stirbt, ist länger tot’ gesehen. Klasse Film. Und aus dem Lied ‚Nothing else to lose’ vom Soundtrack eben dieses wunderbaren Films habe ich mir ganz dreist den Titel geklaut. Ja, so sieht’s aus. Und ich verspreche euch eins: Es wird eine traurige Story werden. Ja. Apocalyptica mit ihrem Song ‚Faraway’ sind Schuld. Der macht mich immer ganz traurig!
Widmung: Ich widme diese Story genau den Menschen, die sich immer wieder mit meinen Geschichten tot schmeißen lassen und mir immer gaaaaanz viel weiterhelfen. Wenn auch nur unbewusst.


Smile before you go


Smile
And everything will be okay
And I promise you
That I won’t leave you here
-Robert Skoro, In Line



Jostein Gaarder hat einmal geschrieben: “Alle Sterne fallen einmal. Aber ein Stern ist doch nur ein Funke des großen Himmelsfeuers.“


Ihre Augen weit aufgerissen, fuhr die Brünette aus dem Schlaf. Schweißtropfen glänzten auf ihren nackten Armen, nur ein kleines, unscheinbares Anzeichen der psychischen Höllenqualen, die sie eben durchlitten hatte. Ihr kurz nach dem Aufwachen noch schwer gewesener Atem hatte sich jetzt langsam beruhigt. Sie wollte die Augen schließen und schlafen, aber sie wusste, sie konnte es nicht. Nicht, ohne dass die Bilder wieder auftauchen würden. Die schrecklichen Bilder. Die Bilder, die sie niemals hatte sehen wollen. Zum ersten Mal in ihrem Leben musste die junge Frau wirklich zugeben, dass sie schwach war. Hatte sie es sonst immer dementiert, wusste sie nun keine andere Möglichkeit, als sich selbst die Chance zu geben, auch einmal zu versagen. Sie wollte sich fallen lassen, wollte lockerer sein. Nicht so verkrampft, so kalt, so perfektionistisch. Sie wusste, dass sie deshalb diese Alpträume hatte. Wäre sie lockerer gewesen, hätte sie die ganze Situation anders aufgenommen. Sie wünschte sich, sie könnte ihren Kopf einmal in ihrem Leben ausschalten. Aber sie wusste, dass es nicht ging. Vielleicht war es gut, war es richtig so. Früher war sie immer der Meinung gewesen, es sei besser, auf seinen Kopf zu hören, anstatt auf sein Herz. Sie hatte nie auf Letzteres vertraut, hatte ihm nie eine Chance gegeben, glaubte sie doch, die Entscheidungen wären dann zu impulsiv. Nicht kontrollierbar. Kontrolle über sich, die brauchte sie, konnte nicht loslassen, konnte nicht einfach Mal abschalten. Konnte sich nicht entspannen.
Sie seufzte leicht, als sie aus dem Bett stieg und barfuss in die Küche tappte. Der Steinboden war kalt unter ihren Füßen, beruhigend kalt. Sie schenkte sich ein Glas Wasser ein, ließ sich an der Wand hinunter auf den Boden rutschen, ließ die kalten Steine ihren erhitzten Körper abkühlen und versuchte, ihren Kopf von den vielen Gedanken zu leeren, die in ihm Achterbahn fuhren. Sie wusste, sie würde in dieser Nacht keinen Schlaf mehr finden, wusste, es würde Auswirkungen auf ihre Arbeit am Nächsten Tag haben. Sie konnte das nicht zulassen, konnte nicht zulassen, dass irgendjemand herausfand, was vor sich ging. Kurz entschlossen stand sie auf, ihr Glas immer noch halbvoll in der Hand, und tapste ins Badezimmer, zum Medizinschrank. Sie holte das Röhrchen mit den Schlaftabletten hervor, die sie seit Wochen benutzte und nahm auch an diesem Abend wieder eine, bevor sie sich zurück ins Bett legte. Sie war am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte, das wusste sie. Aber sie wusste nicht, was sie dagegen tun konnte. Ihre Augenlider fühlten sich immer schwerer an, aber die Brünette hielt sie so lange wie möglich offen. Sie würde alles tun, dachte sie bei sich, würde alles tun, um die Bilder nicht wieder sehen zu müssen. Um nicht wieder das Gefühl haben zu müssen, sie sei an Allem Schuld.

Das Gesicht. Die braunen Augen, die braunen Haare. Die Tränen, die ungewollt über jedes der Gesichter geflossen waren. Nur sie hatte nicht geweint. Hatte Fotos geschossen, es vermieden, das Gesicht anzusehen. Hatte es vermieden, ihre Teamkollegen anzusehen. Sie hatte den Schmerz nicht spüren wollen, der auf ihren Gesichtern zu sehen war. Reid, der sich umgedreht hatte und ins Nichts starrte. Morgan, der den Mörder verfluchte und voller Wut gegen einen Baum trat. Hotch und Gideon, die einfach nur stumm dastanden, sich gegenseitig ansahen und verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln wischten. Und JJ, die schon langsam zu so Etwas wie einer Freundin für sie geworden war, die einfach nur weinte. Sie hatte sie nicht getröstet, hatte weiterhin Fotos geschossen, stumm und kalt. Sie hatte sich abgewandt, um nach weiteren Spuren zu suchen, während die Anderen stumm neben der Toten saßen. Während die Anderen stumm weinten. Sie hatte ihre Blicke im Rücken gespürt, hatte sich nicht eingestehen wollen, dass sie versagte. Dass es falsch war. Sie kam sich so fehl am Platz vor. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, hatte sie doch als Einzige aus dem Team Elle Greenaway nicht gekannt.



-

„Der Mensch entdeckt sich selbst eigentlich erst, wenn er sich an Hindernissen misst.“ Antoine de Saint-Exupéry"

Das Leben geht weiter. Wie oft hatte sie diesen Satz schon gehört? Die Blonde wusste es nicht. Sie wusste, dass das Leben weiterging. Sie wusste nur nicht, wie es weitergehen würde. Ihr Kopf war leer. Beängstigend leer. Sie fühlte Kälte in sich aufsteigen, fragte sich, warum das Alles ihr so Nahe ging. Warum gerade ihr immer alles so Nahe gehen musste. Warum immer sie es war, die sich Sorgen machte. Sie schluckte leicht, als sie sich auf ihr Bett fallen ließ, müde und erschöpft wegen der Ereignisse. Sie wollte nicht schlafen, hatte Angst vor der Nacht, die ihr sowieso schon unangenehm war. Aber sie wusste, irgendwann würde der Schlaf sie holen kommen, und so auch die Träume. Sie musste irgendetwas tun, um es so lange wie möglich herauszuzögern. Langsam, fast in Zeitlupe stand sie auf, ohne einen blassen Schimmer, was sie tun sollte. Normalerweise hatte sie immer einen konkreten Plan, war zwar ein Herzmensch, aber eben ein planender. Aber in diesem Augenblick, da war ihr Kopf leer. Sie schloss die Augen, nur für eine Sekunde, um sich zu sammeln und um etwas zu finden, was sie tun konnte. Als sie sie wieder öffnete realisierte sie zum ersten Mal an diesem Tag, dass es schon dunkel war, obwohl der Blick auf die Uhr ihr ankündigte, dass die Dunkelheit bereits vor fast zwei Stunden eingesetzt hatte. Es war 23 Uhr. Komisch, dachte sie, komisch, was alles an einem vorbeiziehen kann, wenn man traurig ist. Sie mochte die Dunkelheit nicht, hatte sie nie gemocht, aber in dieser Nacht verspürte sie plötzlich den Drang, noch einmal nach Draußen zu gehen, an die frische Luft. Um wieder klar zu denken. Um wieder sie selbst zu sein. Sie zog sich ihre Joggingklamotten an, nahm ihre Waffe und den Haustürschlüssel und verließ die Wohnung. Es war eine impulsive Handlung. Jennifer Jareau handelte nicht impulsiv. Sie hatte zwar ein großes Herz, aber auch Verstand, den sie in solchen Fällen nutzte. Außer heute. Was war anders? Lag es am Tod ihrer Teamkollegin, die ihr trotz alldem, was vorgefallen war, wichtig gewesen war? Die für sie zur Familie gehört hatte. Man tat alles für seine Familie. Und sie hatte dabei versagt. Sie hatte versagt. Die Worte hallten in ihrem Kopf, immer und immer wieder. Versagt. Sie schüttelte sich, versuchte, die Tränen herunterzuschlucken. Und auch dabei versagte sie, Gott, sie fühlte sich so schwach, so kaputt. Aber sie musste laufen. Langsam begann sie, dann wurde sie schneller, immer schneller, wusste nicht mehr, wo sie hinlief, sah nur noch Straßenlaternen, Autos, Häuser. Bäume, Parks, Seen. Immer und immer weiter lief sie. Tränen standen ihr in den Augen, sie blinzelte, um sie zu verdrängen, während die Gedanken in ihrem Kopf Achterbahn fuhren. Sie wusste, dass sie am Ende ihrer Kräfte war, sie war sowieso schon völlig übermüdet und in letzter Zeit seltsam sensibel. So kannte sie sich gar nicht, dass war nicht sie selbst. Sie wollte wieder stark sein, wollte die Kraft wieder, sich die Fassade aufzubauen. Sie hatte gebröckelt, nach Reids Entführung. War nach dem letzten Fall noch brüchiger geworden, und nach Elles Tod nun gebrochen. Plötzlich fühlte sie sich kraftlos. Sie sah sich um, versuchte sich zu erinnern, wo sie war, aber sie hatte keine Ahnung, hatte das Gefühl, gar nichts mehr zu wissen. Was ist die Hauptstadt von Venezuela? Wie viele Menschen starben im 2. Weltkrieg? Wie viele Bundesstaaten haben die USA? Sie wusste es nicht. Ihr Kopf war leer von Wissen und voller Gedanken und Gefühle, die auf sie einprasselten und sie auf den Boden drückten. Die Tränen liefen ihr über die Wange, und sie wusste, dass sie nun endgültig am Ende ihrer Kräfte war. Jennifer Jareau brach auf dem Boden zusammen.

tbc?

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#2

RE: Smile before you go

in Fanfiction deutsch 08.09.2008 07:44
von knallpuffpaeng.

Wuaah. Ich hab die Story weitergeschrieben. Das passiert äußerst selten bei mir, wenn ich eine Story auf Eis lege, aber ich hab sie weitergeschrieben.
Da ich nicht editieren kann, poste ich mal hier den neuen Teil:

„Der Mensch ist immer nur das, was er selbst aus sich macht.“ Jean Paul Sartre

„Miss?“ Sie hörte die Stimme, eine Jungenstimme in der Ferne, aber sie konnte nichts sehen, war wie blind. „Miss“ Die Stimme wurde lauter, drang an ihr Ohr. „Pass bloß auf. Sie hat eine Waffe, vielleicht ist sie eine Verbrecherin.“ Diese Stimme klang besorgter und heller, eine Mädchenstimme. „Wenn dann aber eine ziemlich fertige, Lauren. Außerdem hat heutzutage fast jeder ne Waffe. Ich würde auch eine mitnehmen, ginge ich um diese Uhrzeit joggen!“ Sie spürte eine Hand an ihrer Hüfte, spürte, wie ihre Waffe ihr vorsichtig aus dem Holster gezogen wurde.
„Joey!“ Das Mädchen schrie erschrocken auf. „Ich mach doch gar nichts!“ verteidigte sich der Junge. Sie blinzelte leicht, öffnete schließlich mühsam die Augen. „Miss? Lauren, ich glaube sie wacht auf!“ Der Junge und das Mädchen waren sechzehn, vielleicht auch siebzehn. Sie umklammerte seinen Arm, während er immer noch über sie gebeugt dastand. „Miss? Wie geht es ihnen?“ Sie schüttelte den Kopf, zu müde, um zu sprechen. „Was ist passiert?“ fragte das Mädchen besorgt, ihre Angst, dass die Blonde gefährlich sein könnte ganz vergessen. „Nichts“ die Worte kamen nur mühsam über ihre Lippen, sie fühlte sich ausgetrocknet und ihr war schwindelig. „Klar.“ Der Junge sah sie triumphierend an. Warum mussten diese Halbstarken immer überall ein Verbrechen wittern? Sie merkte, wie ihre Augen langsam wieder zufielen.
„Nicht einschlafen!“ die Panik in der Stimme des Mädchens war nicht zu überhören. Die Blonde fragte sich, wie der Junge sie noch mal genannt hatte, aber ihr fiel der Name nicht mehr ein. „Ganz ruhig, Lauren.“ Da war er, der Name. Lauren schien auf den Rat ihres Freundes nicht gut hören zu können. „Wir können sie doch nicht einfach so hier liegen lassen. Wir brauchen einen Krankenwagen!“ Verzweiflung. Sie fragte sich, warum sich diese fremden Jugendlichen um sie sorgten. Sie spürte die Hand des Jungen an ihrer Schulter, als er sie leicht schüttelte. „Kein Krankenwagen!“ Ihre Stimme klang seltsam fest „Aber sie brauchen medizinische Versorgung.“ „Es geht mir gut.“ „Klar, und ich bin der Kaiser von China.“ Sie konnte bildlich sehen, wie er die Augen verdrehte.
„Also gut.“ Seufzte die Stimme. „Dann nennen sie uns eine Adresse, wo wir sie hinbringen können. Unter keinen Umständen bleiben sie in diesem Zustand alleine.“ Sie dachte kurz nach. Garcia. Oder Emily. „22 Lincoln Lane“ Sie wusste nicht, wessen Adresse es war, ob Emilys oder Garcias. Es war ihr egal, sie wollte einfach nur ihre Ruhe. Schlafen. Alles vergessen. „Wir sollten sie da hinbringen…“ Die Stimme des Mädchens und des Jungen wurden langsam leiser, als sie langsam wieder wegdriftete, in ihre eigene Welt. Sie spürte, wie ihre Arme und Beine bewegt wurden, wie sie hochgehoben wurde, aber die Berührungen fühlten sich leicht an, und so fern.
Sie fühlte sich wie ein Schmetterling, wie einer der Schmetterlinge, die sie früher beobachtet und gesammelt hatte. Flog weg. Sie konnte Berge sehen, Flüsse und Seen, versuchte sich daran zu erinnern, wo sie war. Die alte Hütte am Fjord, in der sie früher immer mit ihrer Schwester und ihrem Vater gespielt hatte, als sie noch ganz klein gewesen war, die sie später immer so vermisst hatte, genauso wie den gesamten Rest Norwegens. Sie konnte das Lachen ihrer kleinen Schwester hören, als ihr Vater sie durch die Luft wirbelte und spürte einen Tränenkloß im Hals. Bilder zogen an ihren Augen vorbei, Bilder aus ihrer Vergangenheit, ihrer Schulfreunde und Kollegen. Elle, Gideon, Rossi, Morgan, Reid, Emily, Garcia…und Hotch. Sie sah ihre Gesichter, sah sie lächeln, sah Elle und Garcia im Krankenhaus und Reid in Hankel’s Gefangenschaft, sie spürte die Trauer. Sie wollte frei sein, wollte aufhören zu denken und zu fühlen. Spürte, wie ihr Körper begann, sich taub anzufühlen.

Er konnte nichts hören, außer der Stille, die ihn umgab. Zumindest hatte er das Gefühl, diese zu hören, irgendwo, aber wahrscheinlich war es einfach nur ein Gefühl, ein Ertasten. Er seufzte leise, als er den Blick vom Sternenhimmel, den er durch das Fenster gut sehen konnte, nahm und sich in seinem Sessel zurücklehnte. Dieser Fall war deutlich anstrengender als alle Anderen, war doch eine von ihnen betroffen, eine ehemalige Kollegin, die er sehr geschätzt hatte, auch nach Allem, was vorgefallen war. Er zuckte zusammen, als er merkte, wie distanziert das klang, geschätzt, warum er nicht einfach sagen konnte, dass er sie persönlich gemocht hatte, ohne sich hinter seiner Distanz zu verstecken, die er immer wahrte. Es gab wahrlich nicht viele Menschen, die er an sich heran, die er in sich hineinschauen ließ. Und jedes Mal, wenn er es doch zuließ, verfluchte er sich selber. So wie dieses Mal.
Ein Klingeln an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Seufzend stand er auf, plötzlich wieder groß und grade, so sicher wie sonst. Er sah auf die Uhr. Wer würde ihn um diese Uhrzeit noch stören? Langsam schob er die Kette vor und öffnete die Tür einen spaltbreit. „Ja?“ Ein Mädchen und ein Junge standen davor, Beide höchstens siebzehn. Der Junge trug Jemanden auf dem Arm. Jemanden, der ihm sehr bekannt vorkam. „JJ!“ er sah erst den Jungen und dann das Mädchen an. „Sie lag am Straßenrand!“ die Stimme der Brünetten klang ängstlich. „Sie ist zusammengebrochen, Sir! Vitalwerte sind normal, ich glaube, sie ist nur überarbeitet. Sie wollte nicht ins Krankenhaus, also haben wir sie hergebracht.“ „Sie hat uns diese Adresse genannt.“ Er nickte langsam, bemüht, Fassung zu bewahren. „Sie war ansprechbar?“ Der Junge nickte. „Kurzzeitig“, sagte er. Hotch öffnete die Tür ein Stückchen weiter, fragte sich, wie er so ruhig bleiben konnte, so distanziert klingen konnte. Lies das junge Pärchen herein. Das Mädchen blickte sich schüchtern um, während er dem Jungen half, seine Kollegin auf die Couch zu legen. Einen Moment blieben die Beiden unschlüssig im Zimmer stehen, dann griff der Junge in seine Hosentasche und holte die Waffe der Blonden heraus. „Hier“ er reichte sie dem Dunkelhaarigen. „Die hatte sie bei sich.“ Er nickte, sah die ängstlichen Blicke der Beiden, fast als fürchteten sie, die komische Frau, die sie aufgegabelt hatten und der seltsame Mann seien Verbrecher und würden sie jetzt gleich erschießen.
Er hätte zu seinem Schreibtisch gehen und seine Marke holen können, hätte beweisen können, dass sie zur guten Seite zählten, falls es die in dieser korrupten und unfairen Welt überhaupt gab. Aber er tat es nicht, sagte nur „Danke“, als er die Beiden zur Tür brachte. Sie verabschiedeten sich schnell, verschwanden die Treppe hinunter.
Er sah ihnen nicht nach, war schon nach drinnen gegangen, zu ihr. Strich ihr über die langen, blonden Haare und deckte sie vorsichtig zu. Griff nach dem Telefon und klingelte seinen alten Freund, einen renommierten Arzt aus dem Bett und bat ihn, herüberzukommen. Machte sich einen Tee, während er wartete, versuchte, sie aufzuwecken. Hörte sich den Vortrag seines Freundes über Überanstrengung und psychische Belastung an. Hörte nicht richtig zu, sondern nur, dass es ihr mit viel Schlaf bald wieder besser gehen würde. Verabschiedete sich, abwesend. Das Alles zog an ihm vorbei wie ein Film, als sei er nur der Zuschauer und kein Anwesender. Das Einzige, was ihn in der realen Welt hielt, war das Gefühl ihrer Haare unter seiner Hand, als er sie vorsichtig aus dem makellosen Gesicht strich, und sich fragte, was wohl alles vorgefallen war. Als er sich fragte, ob er versagt hatte, als Teamleiter, als Freund. Die Fragen schwirrten immer noch in seinem Kopf herum als er, todmüde von dem Tag, in dem alten Ohrensessel seiner Mutter einschlief, seine Hand immer noch in ihren Haaren.

-

„Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“ Hermann Hesse.

Jeder Muskel in ihrem Körper spannte sich an, als ihre Füße vom Boden abhoben. Sie merkte, wie ihr Kopf rot wurde, vor Anstrengung, aber das störte sie nicht. Ihre Arme hielten sie sicher, das wusste sie. Vorsichtig bewegte sie ihre Füße Richtung Kopf, ging ins Hohlkreuz, in den Spagat. Machte tausend Figuren, die ihr seltsam leicht fielen, bevor sich ihre Füße langsam wieder in Richtung Boden bewegten. Wie ein Engel landete sie dort, das Gesicht zwar rot aber ein Lächeln auf den Lippen. In diesem Moment hatte Emily Prentiss gewusst, dass sie gewonnen hatte. Hatte gewusst, dass das, was sie niemals für möglich gehalten hatte, wahr geworden war. Von allen Seiten kamen Hände auf sie zu, wurde sie umarmt, gedrückt. Und sie ließ sich fallen, ließ sich einfach in die Menschenmenge fallen, die sie auffing. Damals war sie noch aufgefangen worden. Sie schüttelte den Kopf. Ob sie immer noch einen Handstand konnte? Sie wusste es nicht. Früher war sie für ihre Turnkünste geliebt und bewundert worden. Was davon waren echte freundschaftliche Gefühle gewesen? Nicht viele, da war sie sich sicher. Sie stand auf. Legte ihre Hände auf den kalten Boden. Sprang hoch. Ein paar Sekunden stand sie siegessicher, dann fiel sie auf die Steine zurück. Sie hätte öfter trainieren sollen. Behutsam erhob sie sich und lief zu ihrem Schreibtisch hinüber. Unterlagen über den Fall Greenaway lagen verstreut auf ihm. Eine plötzliche Wut stieg in ihr auf, als sie auf die Bilder blickte, die die junge Brünette in glücklichen Tagen zeigte, sie fegte den Papierstoß vom Tisch, setzte sich daran und begann auf ihn einzuschlagen.
Irgendwann hielt sie inne, entsetzt über diesen plötzlichen Ausbruch, entsetzt über den Menschen, der sie geworden war, irgendwo auf dem Weg. Sie vergrub das Gesicht in den Händen, lies sich einfach auf den Boden fallen und weinte. Es tat gut. Es war gut. Und zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie sich das zugestehen.
Irgendwann beruhigte sie sich, stand auf und ging in die Küche, um sich etwas zu trinken zu holen. Statt Wasser griff sie dieses Mal zum Whiskey, schenkte sich ein großes Glas davon ein und trank es in einem Zug leer. Als sie sich das nächste Glas einschenkte, fragte sie sich, was der Alkohol wohl mit ihr machen würde, hatte sie doch so lange schon nichts mehr davon getrunken. Sie wusste es nicht. Vielleicht würde er sie ja vergessen lassen. Würde er sie schlafen lassen. Vielleicht.
Die Gedanken begannen an ihr vorbeizuziehen. Alles war gut. Für eine Sekunde glaubte sie die Worte, die ihr Kopf ihr zuflüsterte. Alles war gut. Wenn sie aufwachte, würde sie wieder das kleine Mädchen von früher sein, das nachts zu der Mutter ins Bett kriechen konnte. Sie wollte die Last nicht mehr tragen, wollte wieder frei atmen können. Ihr Kopf begann zu schmerzen.
Leise, fast wie Musik hörte sie die Uhr ticken, ein stetiger Rhythmus, niemals auch nur eine Sekunde auslassend. Früher hatte sie, wenn sie sauer oder traurig war, oder sich einfach nur leer fühlte, die Sekunden gezählt, hatte sie sich in Minuten und Stunden verwandeln sehen, hatte sie in ihrem Kopf festgehalten. Tick, Tack. Gleichklingende Momente, eintönig. Eins, zwei, drei.
Sie legte die Hände auf die Ohren, versuchte das Ticken der Uhr zu überdröhnen, die Sekunden versiegter Lebenszeit nicht so auf sich einprasseln zu lassen, aber es gelang ihr nicht, als wäre es in ihrem Kopf gespeichert. Tick, Tack. Vielleicht sollte sie einfach schlafen gehen. Vielleicht.
Letztendlich legte sie eine alte Schallplatte auf. John Lennon. Imagine all the people, living for today. Ob Elle diese Art von Musik wohl gemocht hatte? Sie wusste nicht, warum sie sich dies fragte. Ihr Mund fühlte sich staubtrocken an, ihre Glieder waren schwer. Vielleicht war es einfach nur der Stress, versuchte sie sich einzureden, aber sie wusste, dass es gelogen war. Wie vieles von dem, was sie sich selbst sagte, entsprach nicht der Wahrheit? Aber sie brauchte es. Brauchte das Gefühl, nicht ganz zerbrochen zu sein, kein Scherbenhaufen auf dem Boden zu sein. Brauchte das Gefühl, dass irgendwo in ihr drin noch ein bisschen Leben steckte, und wenn es nur ein kleiner Rest war. Sie konnte die Zeit verrinnen spüren.

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